Die gesellschaftliche Ausgangslage

Die hier aufgeführten gesellschaftlichen Herausforderungen stehen nicht nebeneinander, sondern gehen ineinander über und bedingen sich gegenseitig. Unser Ansatz richtet sich insbesondere an Jugendliche, die für ihr Lernen und in ihrer Entwicklung Begleitung brauchen: Also chancenbenachteiligte Jugendliche, die es schwerer haben, ihren Weg in eine Zukunft mit Perspektive zu finden. Generell geht es uns aber immer um Jugendliche, die in den formellen Bildungszusammenhängen abgehängt werden – unabhängig von sozialem Status oder Hintergrund.

Soziale Herkunft und Migrationshintergrund spielen für den Bildungserfolg weiterhin eine zentrale Rolle

Sowohl der Bildungsbericht Deutschland 2016 als auch eine 2016 von der Mercator-Stiftung veröffentlichte Expertise zeigen: Je höher der soziale Status, desto besser die Bildungschancen. Dabei sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem doppelt benachteiligt. Sie wechseln noch seltener auf eine höhere Schule und haben signifikant schlechtere Ausbildungschancen. Während die Anzahl der Studierenden aus den mittleren sozialen Schichten stetig wächst, sinkt der Anteil Studierender aus den unteren sozialen Schichten (Quellen: Expertise der Mercator Stiftung 2016 und Bildungsberichtbericht Deutschland 2016).

Sozial benachteiligte und bildungsbenachteiligte Jugendliche sind erheblich weniger in Beteiligungsprozesse involviert

Beteiligungsprozesse sind in der Regel relativ „hochschwellig“, so dass bildungsferne und sozial benachteiligte Jugendliche eher seltener eingebunden sind. Darin liegt eine große Herausforderung. Dabei ist der Grund nicht, dass sie nicht teilhaben können oder wollen, sondern, dass sie viel partizipationsunerfahrener und ihnen die unmittelbaren Chancen nicht bewusst sind, die mit Teilhabe verbunden sind (Quelle: ABC der Demokratiepädagogik 2014).

Bildungsferne Jugendliche haben vergleichsweise große Schwierigkeiten, Kompetenzen, die sie in formellen und informellen Lernsettings erworben haben, zu benennen und diese in Bezug zu ihren Stärken sowie Potentialen zu bringen

Die Erfahrung an Schulen zeigt: Die große Mehrheit der Jugendlichen kann auch nach drei Jahren aktiver und regelmäßiger Projektteilnahme in alternativen Lernsettings (wie auch in KICKFAIR) ihre erworbenen Stärken und Kompetenzen nicht in Bezug zu sich selbst setzen, nicht verbalisieren und auch nicht als Engagement wahrnehmen – es bleibt für sie abstrakt. Gerade wenn es um die Praktikums- oder Berufswahl geht, wäre dies die zentrale Orientierungshilfe (Quelle: Wirksamkeitsmessungen in den KICKFAIR-Projekten 2015-2016 // Link).

Funktionalisierung und Ökonomisierung bestimmen zu sehr die Gestaltung von Lern-und Bildungsprozessen

Es ist völlig richtig, dass Ökonomie, Effizienz und Wachstum in vielen Zusammenhängen mitentscheidend sind. Bestimmen diese Maxime aber Lernen und Entwicklung, so hemmen sie die Erkundung der in uns angelegten Potentiale – denn es ist neurobiologisch erwiesen, dass Lernen auf verschiedenen Ebenen stattfindet und diese sich gegenseitig bedingen. Gerade im formellen Bildungssystem geht es immer noch zu sehr um die Aneignung von dem Wissen, das im Lehrplan vorgegeben ist, in Schulstunden unterrichtet und in Leistungskontrollen geprüft wird. Zwar entstehen in Ganztagsschulen neue Lernräume, aber immer noch verhindern hier äußere Rahmenbedingungen ganzheitliche Lernansätze (Quellen: Gerald Hüther „Mit Freuden Lernen ein Leben lang“, Göttingen 2016 und Manfred Spitzer „Rotkäppchen und der Stress“, Stuttgart 2014).

Soziale Ungleichheit und die Angst vor den Folgen der Globalisierung, insbesondere der damit verbundenen Migrationsbewegungen, gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Die Vielfalt an Kulturen, Religionen und Lebenskonzepten in Deutschland wächst. Was die einen als Chance wahrnehmen, macht anderen Angst. Zwischen dieser Angst und dem Bildungsstatus gibt es einen direkten Zusammenhang: je niedriger der Bildungsstatus, desto größer die Angst vor Veränderung und Perspektivlosigkeit. Hinzu kommt: Menschen, die Angst vor der Globalisierung haben, tendieren eindeutig zur Wahl populistischer Parteien. Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt gut zu gestalten, müssen uns also zwei Dinge gelingen: Wir müssen lernen mit der immer deutlicher werdenden kulturellen und religiösen Vielfalt sowie verschiedenen Lebenskonzepten umzugehen und gleichzeitig dafür sorgen, dass soziale Ungleichheit und Bildungsbenachteiligung zurückgehen (Quellen: Bertelsmann-Studie 2016 „Globalisierungsängste oder Wertekonflikte“ und „Der Kitt der Gesellschaft“, Hrsg. Bertelsmannstiftung 2016).