Die gesellschaftliche Ausgangslage

Die hier aufgeführten gesellschaftlichen Herausforderungen stehen nicht nebeneinander, sondern gehen ineinander über und bedingen sich gegenseitig. Unser Ansatz richtet sich insbesondere an Jugendliche, die für ihr Lernen und in ihrer Entwicklung Begleitung brauchen: Also chancenbenachteiligte Jugendliche, die es schwerer haben, ihren Weg in eine Zukunft mit Perspektive zu finden. Generell geht es uns aber immer um Jugendliche, die in den formellen Bildungszusammenhängen abgehängt werden – unabhängig von sozialem Status oder Hintergrund.

Soziale Herkunft und Migrationshintergrund spielen für den Bildungserfolg weiterhin eine zentrale Rolle

Je höher der soziale Status, desto besser die Bildungschancen. Dabei sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem doppelt benachteiligt. Sie wechseln noch seltener auf eine höhere Schule und haben signifikant schlechtere Ausbildungschancen. Während die Anzahl der Studierenden aus den mittleren sozialen Schichten stetig wächst, sinkt der Anteil Studierender aus den unteren sozialen Schichten.
Von 100 Kindern, deren Eltern keine Hochschule besuchen, beginnen nur 21 ein Studium, 15 schaffen den Bachelor, acht den Master und eines promoviert. Von 100 Kindern, wo mindestens ein Elternteil eine Hochschule besucht hat, sind es 74, die ein Studium beginnen, 63, die den Bachelor machen, 45, die den Master machen und zehn, die promovieren.
Quellen: Expertise der Mercator Stiftung 2016 und Bildungsbericht Deutschland 2016; Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, Briedis et al 2014.

Sozial benachteiligte und bildungsbenachteiligte Jugendliche sind erheblich weniger in demokratischen Beteiligungsprozessen involviert

Für Beteiligung und Mitgestaltung der Lebensräume braucht es Angebote, die es Jugendlichen attraktiv macht, ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Gerade bildungsferne Jugendliche brauchen Möglichkeiten, die zu ihnen passen, so dass sie hier nicht ähnliche „Verlierererfahrungen“ machen, wie an vielen anderen Stellen auch, sondern die Selbstwirksamkeit und Chancen erleben, die für sie mit Teilhabe verbunden sind.
Quelle: ABC der Demokratiepädagogik 2014, https://www.bmfsfj.de/blob/94118/c49d4097174e-67464b56a5365bc8602f/kindergerechtes-deutschland-broschuere-qualitaetsstandards-data.pdf.

Funktionalisierte und ökonomisierte Bildungsprozesse erschweren Lernen, Entwicklung und die berufliche Orientierung – gerade bei bildungsbenachteiligten Jugendlichen

1) Im formellen Bildungssystem geht es auch um Ökonomie, Effizienz und Wachstum. Als alleinige Maxime für Lernen und Entwicklung hemmen sie aber die Erkundung der in uns angelegten Potentiale, denn es ist neurobiologisch erwiesen, dass Lernen auf verschiedenen Ebenen stattfindet, die sich gegenseitig bedingen. Lernen passiert also ganzheitlich und braucht unterschiedliche Zugänge. Dies kommt an Schulen meist noch zu kurz.
Quellen: Gerald Hüther „Mit Freuden Lernen ein Leben lang“, Göttingen 2016 und Manfred Spitzer „Rotkäppchen und der Stress“, Stuttgart 2014).

2) Bildungsferne Jugendliche finden schwerer in den Beruf. Dafür gibt es verschiedene Gründe und zunehmend gute Angebote, die sich um die Berufsorientierung kümmern. Was Jugendliche immer wieder benennen, ist ihr Wunsch nach einem Beruf, der ihren Kompetenzen und Fähigkeiten entspricht. Was aber, wenn sie ihre Fähigkeiten zum Zeitpunkt der Berufsorientierung gar nicht kennen? Genau das haben KICKFAIR Messungen gezeigt: Jugendliche in den Projekten haben vergleichsweise große Schwierigkeiten, ihre erworbenen Kompetenzen zu benennen und in Bezug zu ihren Stärken sowie Potentialen zu bringen. Sie erwerben zwar in den ersten drei Jahren ihrer Teilnahme bei KICKFAIR wichtige soziale, strategische
und personale Kompetenzen. Die große Mehrheit kann ihre erworbenen Stärken und Kompetenzen jedoch nicht in unmittelbaren Bezug zu sich selbst setzen, nicht verbalisieren und auch nicht als Engagement wahrnehmen – es bleibt für sie abstrakt. Dieses Erkennen und in-Bezug-Setzen kommt erst viel später. Gerade wenn es um die Praktikums- oder Berufswahl geht, wäre dies jedoch die zentrale Orientierungshilfe.
Quellen: Bertelsmannstudie 2017, IHK Jugendstudie 2014, Wirkungsmessungen in den KICKFAIR-Projekten 2015-2016 // Link).

Soziale Indikatoren beeinflussen den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Studien zeigen: Wo mehr von Armut betroffene bzw. gefährdete und arbeitslose Menschen leben, ist der Zusammenhalt geringer als dort, wo der sozioökonomische Status höher ist. Das hat eine ökonomische Seite und eine kulturelle: Die Vielfalt an Kulturen, Religionen und Lebenskonzepten in Deutschland wächst. Was die einen als Chance wahrnehmen, macht anderen Angst. Zwischen dieser Angst und dem Bildungsstatus gibt es einen direkten Zusammenhang: je niedriger der Bildungsstatus, desto größer die Angst vor Veränderung und Perspektivlosigkeit. Hinzu kommt: Menschen, die Angst vor der Globalisierung haben, tendieren eindeutig zur Wahl populistischer Parteien. Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt gut zu gestalten, müssen uns also zwei Dinge gelingen:

Wir müssen lernen mit der immer deutlicher werdenden kulturellen und religiösen Vielfalt sowie verschiedenen Lebenskonzepten umzugehen und gleichzeitig dafür sorgen, dass soziale Ungleichheit und Bildungsbenachteiligung zurückgehen.
Quellen: Bertelsmann-Studie 2016 „Globalisierungsängste oder Wertekonfikte“; „Der Kitt der Gesellschaft“, Hrsg.Bertelsmann Stiftung 2016.

Nachweislich entscheidend für den Abbau vonÄngsten vor Fremdheit sind begleitete Austausche bzw. pädagogisch inszenierte Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, die mittel- bis langfristig angelegt sind. Dies belegen etliche Untersuchungen zu internationalen (Jugend-) Begegnungsprogrammen, wie z.B. Thomas/Chang/Abt 2007 oder Glaser/Rieker 2006. Doch auch zu internationalen Begegnungen und derartigen Lerngelegenheiten haben viele, insbesondere von Benachteiligung betroffene Jugendliche, kaum Zugang.

Wartepräferenzen beeinflussen den sozialen Zusammenhalt

Studien zeigen: Das soziale Miteinander funktioniert da besser, wo humanistische Werte gelten (wie Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, etc.) und da schlechter, wo Sicherheitswerte dominieren (Schutz vor Gefahr, Stabilität, Harmonie).
Quelle: Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017, Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung.